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Lördagsgodis: Die Samstags-Süßigkeit aus Schweden erklärt

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Lördagsgodis: Wie Schweden aus dem Samstag ein Zuckerfest gemacht haben

Jeden Samstag das gleiche Bild: Eltern mit ihren Kindern, eine prall gefüllte Lösgodis-Wand und diese typische Papiertüte, die nachher mit einer ziemlich wilden Mischung aus Schokolade, salzigem Lakritz und bunten Schaumgummis im Wagen landet. Manchmal stehen sie auch direkt bei uns am Tresen in Friedrichshain. Der Ablauf ist immer ähnlich, erst wird diskutiert, dann abgewogen, dann gezahlt. Wenn du wissen willst, warum das ausgerechnet am Samstag passiert und was hinter dieser Tradition steckt, musst du ein bisschen tiefer graben. Denn Lördagsgodis klingt harmlos, ist es aber nicht.

Samstags ist Naschtag – und das nicht erst seit gestern

Lördagsgodis heißt wörtlich „Samstagssüßigkeiten". In Schweden ist das mehr als ein Wort. Es ist ein festes Ritual, das sich durch Generationen zieht. Die Regel ist einfach: Unter der Woche gibt es keine Süßigkeiten, am Samstag wird die Tüte nach Lust und Laune gefüllt. Wer als Kind schwedische Freunde hatte, kennt den Satz: „Heute ist noch nicht Samstag." Und ja, auch die Eltern halten sich meist daran – zumindest nach außen.

Im Laden sieht das so aus: Am Samstag ist bei uns immer ein kleiner Stau vor dem Lösgodis-Regal. Schwedische Familien, die in Berlin leben, machen hier einfach weiter wie in Uppsala oder Malmö. Es wird beraten, welche Mischung heute in die Naschtüte kommt. Die Kinder dürfen selbst wählen. Die Eltern greifen diskret bei den salzigen Lakritzsorten zu. Manchmal merkt man, dass sie selbst ein bisschen stolz sind, die Tradition im Kiez weiterzugeben.

Der ernste Hintergrund: Karies, Experimente und ein Skandal

Was auf den ersten Blick nach harmloser Nostalgie aussieht, hat einen ziemlich dunklen Ursprung. Die Geschichte beginnt nicht mit bunten Bonbons, sondern mit einer handfesten Zahngesundheitskrise. In den 1940ern hatten praktisch alle Schweden Karies. Bei der Musterung 1942 litten fast alle Wehrpflichtigen darunter. Fast alle Kinder, die eingeschult wurden, hatten schon schlechte Zähne. Keiner wusste so recht, wie das zu lösen war.

Dann kam das, was heute als Vipeholm-Experiment bekannt ist. Zwischen 1945 und 1955 wurden im Vipeholm-Krankenhaus in Lund medizinische Versuche gemacht, an Menschen, die damals als „schwer erziehbar" oder „unbildsam" galten und keine Wahl hatten. Erst ging es um Vitamine und Mineralstoffe, dann wurde gezielt untersucht, wie Zucker Karies auslöst. Die Patienten bekamen täglich zuckerhaltiges Brot, gesüßte Getränke oder – besonders perfide – 24 Karamellbonbons pro Tag. Innerhalb eines Jahres hatten die meisten massiven Zahnverfall. Die Ergebnisse waren klar: Viel Zucker, besonders in klebriger Form, macht die Zähne kaputt. Die ethische Seite wurde damals einfach übergangen.

Die Süßwarenindustrie hat die Versuche teilweise mitfinanziert, weil sie wissen wollte, wie viel Zucker eigentlich „sicher" ist, und wie man vielleicht kariesfreundliche Bonbons entwickeln kann. Als die Ergebnisse veröffentlicht wurden, gab es einen öffentlichen Aufschrei. Die Industrie versuchte, die Schuld von sich zu weisen.

Die politische Lösung: Ein Tag für den Zucker

Nach den Erkenntnissen aus den Experimenten setzte sich in Schweden nach und nach die Empfehlung durch, Süßigkeiten möglichst auf einen festen Tag pro Woche zu beschränken. Daraus entwickelte sich die heute bekannte Tradition des Lördagsgodis. Der Samstag war dabei kein Zufall – das war ohnehin in vielen Familien der gemeinsame Einkaufstag, und Kontrolle fiel so am leichtesten. Die Hoffnung: weniger Nasch-Anlässe, weniger Karies.

In den folgenden Jahrzehnten gingen die Zahnprobleme deutlich zurück. Gleichzeitig wurde Lördagsgodis zu einer festen Tradition in vielen schwedischen Familien. Bis heute gibt es Eltern, die ihre Kinder unter der Woche immer wieder daran erinnern, dass noch kein Samstag ist. Inzwischen hat sich das Ganze weiterentwickelt, heute gibt es auch den sogenannten Lilla Lördag, den „kleinen Samstag", an dem unter der Woche, meistens am Mittwoch, kleine Ausnahmen gemacht werden. Ursprünglich war das der Tag, an dem Dienstmädchen und Hausangestellte frei hatten – heute nutzen ihn Eltern und Kinder gleichermaßen, wenn das Durchhalten bis Samstag zu schwerfällt.

Mehr zur Herkunft und zu den kulturellen Kuriositäten rund um Lördagsgodis findest du übrigens auch in unserem ausführlicheren Artikel Lördagsgodis: Warum die Schweden traditionell nur samstags naschen und andere Kuriositäten.

Lösgodis: Das süßeste Samstags-Ritual

Wer einmal an einem Samstag in einem schwedischen Supermarkt war, weiß, dass das keine kleine Sache ist. Die Lösgodis-Wand, also die riesige Auswahl an losen Süßigkeiten, ist für Kinder das Highlight der Woche. Es wird gedrängelt, gelacht, diskutiert. Jeder stellt sich seine eigene Tüte zusammen. Die Auswahl ist absurd groß: von Schaumgummischlangen über salziges Lakritz bis hin zu sauren Zungen. Eltern greifen meist zu den Klassikern, die sie selbst aus ihrer Kindheit kennen, während die Kinder wild durchmischen.

Auch im Naschhaus in Berlin-Friedrichshain sieht das nicht anders aus. Samstags ist das die halbe Miete: Schwedische Familien kommen gezielt vorbei, die Kinder sparen ihr Taschengeld auf und basteln sich ihre eigene Mischung. Manchmal gibt es Diskussionen, wie viele Lakritzfische wirklich sein müssen. Und manchmal wird auch verhandelt, ob nicht doch schon am Freitag ein kleines Stück erlaubt ist. Meistens bleibt es beim Samstag.

Naturgodis und neue Trends – aber am Kern ändert sich wenig

In den letzten Jahren ist auch in Schweden das Thema gesundes Naschen angekommen. Viele greifen inzwischen zu Naturgodis, also zu Nüssen, Trockenfrüchten oder Samen, die auch als Pick'n'Mix verkauft werden. Wer aber das Samstagsgefühl einmal beobachtet hat, weiß: Die Mischung aus Zucker, Vorfreude und Ritual bleibt das Entscheidende.

Der Trend zu Naturgodis ist eher eine zusätzliche Option als ein echter Ersatz. Am Samstag stehen trotzdem alle vor dem selben Regal. Die einen mit Lakritz, die anderen mit getrockneten Mangostreifen. Das Samstagsritual bleibt.

Berliner Kiez trifft Schweden

Was das Naschhaus betrifft: Bei uns laufen jeden Samstag dieselben Szenen ab. Schwedische Familien stehen vor dem Regal, Kinder zählen ihr Taschengeld ab, Eltern diskutieren über die beste Lakritzsorte. Manche kennen die Regeln auswendig, andere lassen sich treiben und probieren Neues aus. Und ab und zu fragt jemand, ob wir auch am Mittwoch eine Ausnahme machen. (Kleiner Tipp: Wer am Mittwoch kommt, findet die Regale trotzdem voll.)

Die ehrlichste Beobachtung: Ob die schwedischen Kids durch Lördagsgodis wirklich weniger naschen oder am Samstag einfach für die ganze Woche kompensieren, bleibt offen. Die Tradition lebt trotzdem weiter. Und wenn man am Samstag die Mischung aus Vorfreude, Auswahlstress und purem Zuckerrausch erlebt, versteht man, warum.

Über Andreas

Andreas steckt hinter dem Naschhaus - und hinter jedem Produkt im Sortiment. Seit über 9 Jahren stellt er die Auswahl selbst zusammen, reist regelmäßig nach Schweden und entdeckt dort neue Highlights, Klassiker und Besonderheiten, die man in deutschen Onlineshops nur selten findet. In dieser Zeit hat er sich intensiv mit schwedischen Süßigkeiten beschäftigt, mit ihren Unterschieden, ihrer Qualität und den Fragen, die Kundinnen und Kunden ihm täglich im Laden in Berlin-Friedrichshain stellen. Schwedische Süßigkeiten sind für ihn kein gewöhnliches Sortiment, sondern echte Leidenschaft.

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